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IT4IT? Brauchen wir nicht!

Die Open Group hat mit IT4IT eine neue Referenzarchitektur für das IT Management vorgestellt und nunmehr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Meine Kollegen Martin Andenmatten und Robert Sieber haben dazu interessante Beiträge in Ihren Blogs erstellt, die sehr zu empfehlen sind. Nach dem Studium dieser Beiträge habe ich mich einmal in die Rolle eines verantwortlichen IT-Managers versetzt und komme bei der Einschätzung dieses neuen Ansatzes zu der Einschätzung: Wir von der IT brauchen IT4IT nicht!

Robert Sieber hat Recht! IT4IT kommt 10 Jahre zu spät! Und wie wir alle seit Michail Gorbatschow wissen: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Vor 10 Jahren hätte uns das geholfen, denn dann hätten wir uns manches Projekt mit ITIL® ersparen können. Aber jetzt? Wir haben mittlerweile endlich unsere Störungsbearbeitung im Griff und fangen an, uns mit den Problems auseinander zu setzen. Da haben wir immer noch genug mit uns zu tun und brauchen diese Wertkettenbetrachtung nicht. Wir sind uns sicher, dass wir uns erstmal selbst organisieren sollten, bevor uns das Business reinredet. Diese Wertketten können wir angehen, wenn wir unsere Service Level im Griff haben.

Auch das Business braucht IT4IT nicht. Die haben gerade genug damit zu tun, uns mit anderen Lieferanten zu vergleichen und die Service Level detailliert zu verstehen und zu hinterfragen. Letzten Endes geht es dem Business doch nur darum, uns zu kontrollieren und die Kosten zu senken. Das ganze Gerede von Service Lifecycle aus dem neuen (und jetzt alten) ITIL® hat uns um Jahre zurückgeworfen. Vorher war es einfach, ein paar Prozesse zu definieren und man hatte  Ruhe. Endlich haben wir nun mit einem zeitlichen Versatz den Lebenszyklus eines Services verstanden und sollen nun Wertkettenmodelle nutzen? Wir warten einmal ab, bis die sich die Finger mit Cloud-Anbietern verbrannt haben und reumütig zu uns zurückkommen.

Martin Andenmatten lehnt sich mit seiner Einschätzung sehr weit aus dem Fenster: "Die meisten Organisationen arbeiten immer noch in abgeschotteten Silos mit eigenen Werkzeugen und eigenen Datenpools. Zig Tools wurden beschafft zur Verwaltung und Unterstützung von irgendwelchen Arbeitsprozessen.". Wir haben viel Geld in die Prozessmodellierung der ITIL®-Landschaft gesteckt! Das ist doch der Beweis, dass wir prozessural denken und arbeiten, oder? Und von "irgendwelchen" Prozessen zu sprechen grenzt schon fast an Blasphemie! Als ob irgendjemand Externes qualifiziert einschätzen könnte, welche komplizierten Abläufe wir tagtäglich bewältigen!? Bei uns ist eben alles anders und deswegen benötigen wir auch diesen vielen Tools.

Wie schreibt der Robert Sieber so schön: "Du sparst Dir die Zeit darüber nachzudenken, was Du tun sollst, sondern kannst Dich auf das wie konzentrieren." Dafür haben wir keine Zeit! Wir brauchen einfache Lösungen und keine "Referenzen". Das ist doch das schöne an ITIL®: Einfach ein paar Prozesse aus den Büchern kopiert und schon konnte man das Business wieder etwas beruhigen. Wir haben auch genug in die Definition von KPIs investiert und alle unsere Tools sind ITIL®-konform und -zertifiziert. Kann die Open Group so etwas ignorieren? Kann die Open Group uns Alternativen bieten?

Hat sich die Gruppe der Erfinder von IT4IT eigentlich mal überlegt, wie das bei den Mitarbeitern ankommt? Die können jetzt endlich Incidents, Problems und Service Requests unterscheiden und wissen zudem noch, warum sie Request for Changes stellen müssen (oder nicht?) und pflegen ihre Configuration Items. Sie haben gelernt, dass Prioritäten bei Störungen auf der Basis von von Dringlichkeit und Auswirkung vergeben werden und trotzdem klebt die Liste der VIPs rechts am Bildschirm. Manchmal hilft eben das beste Modell nichts in der Praxis. Und wer soll dieses ganze Ausbildungsarie bezahlen? Wir haben genug Geld in die ITIL Experts gesteckt, das müssen wir erstmal wieder verdienen. Beim Blick auf die Webseite der Open Group können wir Deutschen erstmal beruhigt sein: Bis das alles übersetzt ist, wird es noch etwas dauern und Literatur muss schon in der Muttersprache verfügbar sein, oder? Also: An dieser Front müssen wir uns nicht vor dieser neuen Referenzarchitektur fürchten.

Übrigens haben wir IT-Manager weitere prominente Unterstützung! Unsere ITIL-Berater halten nicht viel von diesem IT4IT. Zunächst fehlt der Open Group die internationale Reputation im IT Service Management. Die haben keine Ahnung von IT Service Management und wollen uns da etwas erzählen? ITSM hat sich ja nun wirklich als Standard durchgesetzt und nun kommen unerfahrene Leute daher und wollen das Rad wieder neu erfinden? Wo sollen wir denn mit den ganzen Junior Consultants mit ITIL-Ausbildung hin?

Wir haben nochmal in den Artikel von Robert Sieber geschaut. Dort steht: "Das ist spannend: Wenn wir es auf diese Grundlage beziehen, dann ist IT auch nicht mehr als eine Industrie. Das bedeutet für Dich und mich, dass wir alles, was wir an Methoden und Werkzeugen für Produktionsunternehmen kennen, auch in der IT einsetzen können. Das leugnen viele ITler seit Jahren erfolgreich und genau deswegen kommt IT4IT mindestens 10 Jahre zu spät." Da hat Robert Sieber Recht: Wir sind erfolgreich im Leugnen der Tatsache, dass IT nichts anderes als Industrie ist. Wäre ja noch schöner, wenn andere Branchen uns Helden der IT und "Closed-Shop"-Betreibern erzählen wollten, wie wir unser Geschäft betreiben sollten. Gerade haben wir erfolgreich gezeigt, dass das Betreiben eines Windows-Servers eben nicht von jedem Inder oder Rumänen erledigt werden kann. Dazu benötigt man schon unser Spezialwissen.

In unserem "bed of clay" liegen wir sehr bequem, oder? Übrigens: Wer nach der Lektüre dieses Blogbeitrages zustimmend nickt und den "Ironiemodus" dieses Blogbeitrages nicht erkannt hat sollte nochmal intensiv über seine Einstellung zur IT nachdenken. *grins*